Benjamin Besslich

Schwebende Gärten:  Aus Haselzweigen, Papier, Leim, Lack und Draht habe ich die Objekte dieser Werkgruppe entwickelt. Diese umhüllen transparente Kunststoffkugeln, die wiederum kleine „Gärten“ umschließen. Einige dieser autarken „Naturstücke“ überdauern bereits  viele Jahre. Bei einer Ausstellung im Pavillon des Gerhard-Marcks-Hauses in Bremen habe ich diese Arbeiten unter den Titel „Nichts Besonderes“ präsentiert. Sie finden im Anschluss an die folgenden Abbildungen einen Text von dem Biologe Prof. Dr. Hartmut Koehler.

Die "Schwebenden Gärten" habe ich 2017 für eine Präsentation im Schloss Oberschwappach / Galerie im Saal erweitert. Die Werkgruppe umfasst nun ca. 60 „schwebende“ Objekte unterschiedlicher Größe.

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Fotos der Ausstellungssituation: Ingo Wagner

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Die letzten Rasenstücke - Prof. Dr. Hartmut Koehler, Zentrum für Umweltforschung und nachhaltige Technologien der Universität Bremen

Häutige, filigrane Luftschiffe durchschweben den Raum. Das Licht des Nachmittags wirft die Schatten Wind bewegter Zweige auf die Strukturen der Pergamente, mit denen die Fenster verhängt sind. Dem neugierigen Betrachter wird rasch offenbar, dass die teils lebendig, teils konstruiert anmutenden Objekte Passagiere beherbergen, hermetisch abgeschottet von der irdischen Umwelt in plexigläsernen Kugeln. Die Rasenstücke, der Boden, abgeschlossene Ökosphären, der Erde entfliehend – eine Miniaturisierung der Biosphere 2 in Arizona, ebenso zum Scheitern verurteilt wie diese? Nein, nichts von diesen hoch gehängten wissenschaftlichen Millionengräbern. Eher nichts Besonderes.

Die Ausstellung besitzt eine erst beim zweiten Hinschauen deutlich werdende Dynamik. Das mit den organischen Strukturen der Fenster spielende Licht und die geheimnisvoll im Inneren der Objekte reisenden Objekte verändern sich – das eine mit dem Wind und dem Gang der Sonne, das andere im Laufe der Entwicklung der Pflanzen, Algen, Moose und des dem betrachtenden Auge verborgenen Bodenlebens. Es lohnt sich, diese über Wochen und Monate, ja Jahre sich hinziehende Metamorphose mit wiederholten Besuchen zu beobachten. Aus der ökologischen Perspektive ist hier eine Sukzession in abgeschlossenen Mikrokosmen zu verfolgen. Werden sich die eingeschlossenen, von der Außenwelt isolierten Rasenstücke untereinander ähnlich verhalten oder werden sie sich individuell entwickeln? Was entdeckt der unvoreingenommene Betrachter, der einer Veränderung der Ausstrahlung der Objekte und der Ausstellung insgesamt nachspürt, verursacht durch die Entwicklungen in den Glaskugeln? Der eingeschlossene Boden ist belebt von Pilzen und Bakterien, aber auch von kleinen Tieren wie Springschwänzen, Milben oder Würmern. Sie sind sich gegenseitig Nahrung und ihre Ausscheidungen sind Dünger für die Pflanzen, deren abgestorbene Biomasse wiederum das Bodenleben ernährt. Hier finden Kreisläufe statt, von denen wir nur das Verdunstungswasser sehen und die sinnfällig in der Sphärenform ihr Spiegelbild finden. Wie lange werden sie funktionsfähig bleiben? Ihr Zusammenbruch und das damit  verbundene Absterben der Mikrokosmen wird in Kauf genommen – Menetekel für den Irrglauben der Beherrschbarkeit und Steuerbarkeit von Natur.

Diese teils verborgene und vor uns abgegrenzte Lebendigkeit gibt dem künstlerischen Konzept von Benjamin Besslich eine ganz besondere Note, die weit über die Ästhetik der Konstruktionen hinausgeht. Die kleine Ausstellung harmoniert mit dem Raum, luftig leicht wie ein Hauch und durch ihre unterschiedlichen Bezüge zur Natur beruhigend und beunruhigend zugleich – eben doch etwas Besonderes.