Benjamin Besslich

Nach der Natur: 1554 erschien Conrad Gesners reich mit Holzschnitten illustrierte „Buch der vierfüssigen Thiere“. Es entwickelt sich zu einem Standartwerk der Zoologie und so wird es mehrfach neu aufgelegt, ergänzt und die Bilder neu geschnitten. Auch ich habe einige der historischen Darstellungen erneut in Holz geschnitten um mir die Darstellungsweise anzueignen. Diese nutze ich um Lebewesen ins Bild zu setzten, die heutzutage in das Interesse der Wissenschaft geraten sind. So findet sich z.B. eine transgener nun leuchtender Fisch unter den Motiven. Der Fisch enthält genetisches Material einer Qualle in seinem Erbgut. Bei solch designten Lebewesen wie diesem „Glo Fisch“ erhält die alte Bezeichnung „Nach der Natur“ eine weitere Bedeutung. Hinter jeden der ausgewählten und vervielfachten Lebewesen steht eine Geschichte, die Auskunft gibt über die Beziehungen unserer Kultur zur Natur.

Im Anschluss an die folgenden Abbildungen finden Sie Auszüge einer Eröffnungsrede von Silvia Brockfeld. Diese bezieht sich auch auf die hier präsentierten Fotogramme (je 24x16cm).

Der Installation liegen derzeit 31 unterschiedliche Holzdruckstöcke zugrunde und ist in Größe und Anordnung variabel.  Bei dem Material handelt es sich um schwarze Linoldruckfarbe auf Glas.



Unter dem Titel "Nach der Natur" zeigt Benjamin Beßlich hier  (Galerie Kunstmix, Bremen) eine Zusammenstellung von Holzschnitten, Frottagen, Fotogrammen und Guckkästen. Man entdeckt verschiedene Tier-darstellungen: Katzen, Korallen, Quallen, Mäuse, Frösche, Fruchtfliegen, ein Kamel, Viren........

Die Arbeiten, die den Ausgangspunkt dieser Werkgruppe bildeten, waren die Holzschnitte. Diese Holzschnitte sind nicht, wie gewohnt auf Papier gedruckt, sondern auf Glas. Ebenso wie Papier ist auch das Glas ein Naturmaterial, jedoch erzeugt man mit Glas völlig andere ästhetische Assoziationen: Glas ist transparent. Es wirft Schatten an die Wand. Durch die Ausleuchtung entstehen interessante Überlagerungen und collageartige Verflechtungen des Bildmaterials. Auch der Betrachter selbst wird gespiegelt. Zerbrochenes Glas ist gefährlich. Es schneidet. Man kann sich daran leicht verletzen. Möglichst sollte man es beim Transport mit Handschuhen anfassen, vorsichtig, denn es kann leicht zerbrechen und splittern. Jeder kennt das Gefühl von Glassplittern in den Fingerspitzen und das unangenehme Geräusch, wenn eine Scheibe zu Boden fällt und zerspringt. Dieses Material ist keineswegs zufällig gewählt. Es spiegelt vielmehr die Reflexion des Autors zu dem hier aufgerissenen Themenkreis: Die Manipulation des Natürlichen. Das Material drückt Ver-letzbarkeit aus.

Die Tiere und Pflanzen, die hier die Motive für die Arbeiten abgeben, sind keinesfalls nur nach formalen oder dekorativen Gesichtspunkten gewählt, auch wenn sie schön sind. Sie haben jeweils ihre eigene hintergründige Geschichte.
Haben Sie ein Haustier? Hund, Katze, Maus, Schildkröte, Vogel? Wenn ja, dann wissen Sie wie schmerzlich es sein kann, wenn das Tier durch Unfall, Krankheit oder Altersschwäche zu Tode kommt. Das muss heute nicht mehr sein. Man kann sich nun endlich schützen dank der US amerikanischen Firma: "Genetic Savings and Clone". Sie war die erste Firma, bei der man sein Haustier vorsichtshalber klonen lassen konnte. Kostenpunkt: 50 000 Dollar. Die hier gezeigte niedliche Katze, Copy Cat genannt, galt damals als Prototyp. Copy Cat teilt ihr Schicksal mit dem abgebildeten Kamel, das der erste lebende Klon eines arabischen Forschungsprojektes war.
Ein anderes Beispiel: Die hier gezeigte Qualle (Aequorea victoria) ist von Natur aus genetisch so ausgerichtet, dass sie ein fluoreszierendes Protein bilden kann. Sie kann also unter Wasser leuchten. So erzeugt sie, ebenso wie die Koralle, das romantische Meeres-leuchten. Dank neuer technischer Verfahren konnte vor einigen Jahren ein Gen isoliert werden, durch das das Fluoreszieren nun auf andere Lebewesen übertragen werden kann. Mit dieser Methode kann man bei Versuchstieren unter anderem Stoffwechselprozesse untersuchen. Das ist wissenschaftlich sehr bedeutsam und kann zum Beispiel der Krebsbekämpfung dienen.
Experimentiert wurde mit Kaninchen, Fruchtfliegern, Fischen und natürlich mit Labormäusen. Abbildungen dieser beliebten Versuchstiere sind ebenfalls Teile der druckgrafischen Serie. Sind sie natürlich, geklont, manipuliert? Man kann es nicht mehr erkennen. Als Nebenprodukt der Untersuchungen entstanden ein fluoreszierendes Kaninchen und der leuchtende "Glow Fish". Während das Kaninchen, das im Auftrag eines Künstlers zu Aus-stellungszwecken hergestellt wurde, letztendlich aus ethischen Gründen nicht ausgeliefert wurde, kann man sich den Glow Fish in den USA für sein eigens Aquarium kaufen. Meeresleuchten im eigenen Wohnzimmer, zauberhaft... Die schöne neue Welt lässt Grüßen.

Nun verwendet Benjamin Beßlich aber für die Darstellung dieser futuristisch anmutenden Figuren ein recht traditionelles künstlerisches Medium: Den Holzschnitt. Die Art und Weise, wie die Wesen dargestellt werden, erinnert an Bildtraditionen aus der Renaissance, einer Epoche, in der die Natur stark in den Fokus des wissenschaftlichen Erkenntnisdrangs rückte.
Ohne die visuellen Medien, wie Fotografie und Film, ohne Flugreisen und ohne Massentourismus, war das Bild von der Natur, das der Einzelne sich machen konnte, eher fragmentarisch und spekulativ. Nur wenigen Zoologen war es vergönnt selbst in fremde Gefilde zu Reisen und die exotischen Tiere und Pflanzen mit eigenen Augen zu sehen. Die, die reisen konnten, hielten ihre Eindrücke mit Hilfe von Zeichnungen und Beschreibungen fest. Da viele Reisende aber weder zeichnerisch noch in der Naturbeobachtung ausgebildet waren, schlichen sich immer wieder Kuriositäten und Seemannsgarn in die Darstellungen ein. Gibt es wirklich das Einhorn? Sieht das Nashorn so aus, wie auf der berühmten Darstellung eines Albrecht Dürers mit vielen schönen Ornamenten auf der Haut?
Zur Vervielfältigung und Verbreitung des Bildmaterials diente die Druckgrafik. Der Holzschnitt ist dabei eine der ältesten und gängigsten Techniken. Diese Form der Darstellung greift Benjamin Beßlich nun auf, inspiriert durch einen historischen zoologischen Sammelband, herausgegeben von dem Natur-forscher Konrad Gesner. Gesner fasste in seinem "Thierbuch" aus dem Jahre 1554 den damaligen Erkenntnisstand zusammen. Dabei erhob er den Anspruch in seinem Werk. "Alle vierfüßigen zahmen und wilden Thiere aus allen vier Theilen der Welt, die sich auf dem Erdboden und in etlichen Wassern befinden abzubilden, zu beschreiben und mit ihren angeborenen Tugenden und Untugenden zu charakterisieren." In diesem Band finden wir, neben vielen durchaus realistischen Tierdarstellungen, wie Maus, Frosch und Kaninchen auch eine Sphinx, verschiedene Einhornarten und den von Beßlich übernommenen Camelpard. Dieser stammt nicht aus einem Versuchslabor, sondern ist direkt der Vorstellungswelt des 16. Jahrhunderts entsprungen. Macht das einen Unterschied?

Das Thema der Vervielfältigung und Verwandlung wird mit anderen hier präsentierten Arbeiten ebenfalls symbolisch aufgegriffen und variiert: Reproduktion und Verfremdung spiegelt sich in der Mehrfachnutzung der Druckstöcke und Drucke wider. Druckstöcke dienen als Ausgangsmaterial für Frottagen, die Sie hier als Meterware zu eine kleinen Preis erwerben können. Drucke werden in der Form von Fotogrammen verfremdet und vervielfältigt. (Mit dem Fotogramm greift Beßlich ebenfalls ein sehr beliebtes Natur-forschermedium aus dem 18 Jhd. auf.) Wo bleibt das Original? Was in dieser Ausstellung Original oder Reproduktion ist, die Frage ist möglicherweise irrelevant.

Ein Kontinuum in Benjamin Beßlichs künstlerischem Schaffen ist die ästhetische Auseinandersetzung mit Themen und Fragestellungen, die das Verhältnis von Natur und Mensch umkreisen. Gefundene visuelle Eindrücke und Phänomenen verbinden sich hier mit einem analytischen Blick, der auch das Poetische einschließt. Neben dem konsequenten thematischen Bezug ist das spielerische Experimentieren mit verschiedenen medialen Darstellungs-weisen ebenfalls ein besonderes Kennzeichen der Arbeit von Beßlich. Wenn es der thematische Zusammenhang erfordert, vagabundiert er zwischen verschiedenen Medien umher: Es wird fotografiert, modelliert, plastiziert, gezeichnet, collagiert, gemalt und gedruckt.
Auch die Materialien variieren und weisen ein breites Spektrum ästhetischer Konnotationen auf. Ein Bruch mit traditionellen Präsentationsform wird gern und oft vorgenommen. Das Zusammenspiel von Materialästhetik und Dar-stellungsform spielt jedoch immer eine konzeptionell tragende Rolle.
Was wird hier zum Ausdruck gebracht? Gleichzeitig Bruch mit und Anknüpfung an traditionelle Medien, schöne Motive mit verstörend hintergründigen Geschichten, ästhetischer Genuss, gebrochen durch Ambivalenz und Wissenschaftskritik. Widersprüche zwischen Material und Darstellungsweise...

Benjamin Beßlich gehört nicht zu den Künstlern, die eine bestimmte Lesart ihrer Werke vorgeben wollen, vielmehr sind Sie eingeladen zum Entdecken, Erkunden, Interpretieren und Diskutieren. Dabei wünsche ich Ihnen viel Vergnügen. Aber: Kaufen Sie sich keinen"Glow Fish". Kaufen Sie sich lieber einen Guckkasten von Benjamin Beßlich. Der leuchtet auch und Sie befinden sich in einer garantiert gentechnikfreien Zone.                   

Silvia Brockfeld